Der Radsport ist sauber. Basta!

22. Juli 2010 § 19 Kommentare

Gerade sinniere ich über die beiden Hauptkontrahenten um den Sieg bei der Tour de France nach. Beide prügeln natürlich auch noch in der dritten Woche absolut sauber und ohne jegliche unerlaubte medizinische Hilfsmittel durch Alpen und Pyrenäen. Wie kann man anderes annehmen? Zugegeben, Alberto Contador wurde bereits erwischt, Andy Schleck, guter Kunde eines in Sportlerkreisen geschätzten Doktors von allerdings zwielichtigem Ansehen, wartet noch darauf – zumindest warten alle darauf, die ihn unter Verdacht haben. Und wer hat ihn nicht unter Verdacht? Kurz, alle Fachleute und Kollegen im Feld wissen Bescheid, doch keiner sagt ein Wort. Wer redet, ist ein Verräter. Wer dopt, ist Sportler.

Erinnert sich noch jemand an das glorreiche Team Telekom beziehungsweise T-Mobile? Bekannt durch augenkrebserregendes Magenta, durch Ullrichs jährlichen Winterspeck, Eriks dicke Oberschenkel, Aldags Wasserträgerei – und durch Doping. Irgendwann wurde dem Telefonkonzern das mit den Gerüchten und Enthüllungen, Sperren und Strafanzeigen zu heikel und die ganze Radlertruppe wurde von qietschbunt auf Highroad-Schwarz und dann weiter Richtung HTC-Columbia umfirmiert. Natürlich finanziell solide ausgestattet. Abfindung oder auch goldenen Handschlag nennt man das in Arbeitnehmer- und Managerkreisen.

Ein jahrelang dopingerfahrenes Sportler- und Managerteam war somit ruckzuck zum ausländischen und damit natürlich klinisch sauberen Rennstall mutiert. Die Radsportindustrie verlor (mal wieder) seinen guten (?) Ruf und ein deutsches Vorzeigeteam, büßte Idole und Ideale, Fans und Nachwuchssportler sowie Merchandisingmillionen ein. Gut, auch das nicht länger als ein paar traurige Stunden, denn die altbekannte Show ging ja mit neuen Trikots und Rolf Aldag als Chef weiter.

Aber es gab ja noch die Blauen, die von einem ehemaligen Lehrer auf Trab gehalten wurden. Ein echter Saubermann war er, der Herr Holczer. Er predigte Wasser – das konnte er gut! – und seine Jungs, namentlich Bernhard Kohl und Stefan Schumacher, spritzten Cera. Dumm für Hans-Michael Holczer und seine Geldgeber, die natürlich nix gewusst haben. Ach ja: Team Gerolsteiner gibt´s auch nicht mehr. Dafür die Milchbubis von Milram. Bei denen wird nicht gedopt. Naja, nicht mehr. Vielleicht. Alessandro Petacchi, 2008 bei den Milramern aus der Mannschaft geflogen – ja, wegen Doping! – ist für Lampre wieder ganz vorn dabei. Ungedopt. Sagt er. Der einstige Kumpel von Jan Ullrich, Andreas Klöden, ist übrigens nicht bei HTC-Columbia untergeschlüpft, sondern bei der Doper-Auffangstation Astana (ehem. ONCE und Liberty Seguros) gelandet. Wie übrigens auch der immer mit reinem Gewissen, wohl kaum aber mit reinem Blut die Berge hoch fliegende Alexander Winokurow.

Der Blick über den Tellerrand Richtung Mountainbike bietet leider auch keine erfreulicheren Aussichten. Die Nudeltruppe von Albgold wurde  sang und klanglos eingestampft – warum wohl? Leicht zu erraten, oder? Der letzter (bekannte) Fall bei den Stollenrittern schockiert nur noch Laien: Roel Paulissen, Marathon-Weltmeister 2008 und 2009. Er gehörte übrigens dem Team Cannondale an. Wie auch seit dieser Saison Manuel Fumic. Den kennen wir doch auch noch?! Da war doch was mit verweigerten Whereabouts?! Und mit groß angekündigtem Nationalitätenwechsel Richtung Kroatien, um den Schikanen der deutschen Dopingfahndern zu entgehen?! Irgendwas muss ich übersehen haben, denn unlängst startete der kleine der Fumic-Brüder bei den deutschen Meisterschaften. Komisch. Aber irgendwie sind Radsportler eben doch eine große Familie. Und in einer Familie sieht man über vieles hinweg.

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§ 19 Antworten auf Der Radsport ist sauber. Basta!

  • Stephanie sagt:

    deprimierend, nicht? Ich wünschte auch, es wäre anders.

  • Sven sagt:

    Als ich das mit dem Paulissen gehört habe, dachte ich spontan daran, dass der Kurschat Apotheker ist… 🙄

  • Silke sagt:

    Ich bin seit über 20 Jahren Ärztin und noch immer erstaunt, was bereits Hobbysportler so alles einwerfen. Vom Grippemittel über Asthmaspray, Kopfschmerztabletten, Blutverdünner, Hormone (Männer weibliche, Frauen männliche :roll:) und und und. An die harten Drogen kommen sie glücklicherweise nicht, schon allein, weil sie zu teuer sind. Das Doping beginnt bereits in der Jugend. Wer kennt es nicht, sich mehr Luft zu verschaffen, das Blut etwas dünner zu machen, ein paar sauerstoffhaltige Blutbestandteile zu pushen und so weiter? Wie das „legal“ geht, wissen schon die Jüngsten. Dass es gefährlich ist und zudem Betrug am Sport und an dem, der auf dem Treppchen (wenn man dort überhaupt landet, was selten der Fall ist) unter einem steht, wird nicht einmal thematisiert, geschweige denn darüber nachgedacht.

  • Schwarzwälder sagt:

    Der Rennradsport ist doch schon lange tot. Lügner, Betrüger, Halbtote. Sollen sie doch! Aber ohne den Nachwuchs mit in die Scheisse zu ziehen!!! 👿

  • Schwarzwälder sagt:

    Ach ja: Mit AppNet kommt doch gerade ein neues deutsches Team! Ob die noch sauber sind, wenn sie in ein paar Jahren die TdF fahren dürfen?

  • Murmel sagt:

    Dieser Familiensinn ist zum Kotzen. 😦

  • Hennes sagt:

    Milram ist auch bald weg vom Fenster.

  • Bodmännchen sagt:

    Ist denn Fußball sauberer? Glaube ich nicht.

  • Ina sagt:

    Du sagst es: Radsportindustrie. Und weil es eine Industrie ist, wird das Betrügen immer weiter gehen.

  • Torsten sagt:

    Netter Artikel. Leider wird auch er nichts ändern wie so viele andere vor ihm. Helfen kann nur Distanz von diesem dummen und verseuchten Sport. Kotzen könnte ich allein schon deshalb, weil Jugendliche mit hineingezogen werden, kaum dass sie auf dem Rad sitzen können. Wenn Erwachsene sich kaputtmachen wollen ist mir das egal. Aber Kinder schon damit konfrontieren wie man mit Spray leichter atmet ist beschissen.

  • Frank sagt:

    Selbst die Hobbybiker dopen. Oder haben die wirklich alle Asthma? Wohl kaum. Und was die Aspirin reinpfeifen ist auch nicht ohne. Dabei geht es da ja wirklich um nix.

  • Der Radsport ist nicht sauber! Genau so wenig wie Fussball, Biathlon, Eisschnellaufen etc. etc. Aber der Radsport arbeitet an dem Problem und zwar so intensiv wie es zurzeit möglich ist. Auch wenn man das, insbesondere in Deutschland angeführt von dem hier zitierten Werner Franke, nicht wahrhaben will. (Notabene Herrn Werner Franke, der sich vehement für die Verteidigung der Zahnpasta-Räubergeschichte von Dieter Baumann hat einspannen lassen).
    Facts zur Tour de France 2010: Die WADA hat die Tour 2010 überwacht wie noch keine Sportveranstaltung zuvor. (Die Resultate sind teilweise auch noch nicht bekannt). Die Wissenschaftler Ross Tucker und Jonathan Dugas haben z.B. die Etappe auf den Tourmalet akribisch verfolgt und untersucht. Sie stützten sich dabei nicht auf die Zeiten sondern auf die der Leistungsmessgeräte (SRM) welche praktisch alle Profis heutzutage einsetzen. Der Wert um den sich alles dreht sind die geleisteten Watt pro Kg Körpergewicht. Zu den EPO- Glanzeiten kamen die Spitzenfahrer, u.a. auch Lance Armstrong auf Werte von über 6,2. Armstrong, zusammen mit dem berüchtigten Dottore Ferrari, hatte diesen Wert bis auf 6,7 hochgeschraubt. (Kann man in seinen Büchern nachlesen). Die beiden Wissenschaftler kamen zum Ergebnis dass Schleck und Contador maximal mit einem Wert von 5,9 unterwegs waren. Durchschnittlich wurde an den Steigungen 5-10% weniger schnell gefahren als in den späten 90er und den meisten „Nullerjahren“. Wenn Fahrer mit den ok. Wert von 6,7 unterwegs gewesen wäre, hätten die den beiden bis auf den Tourmalet ca. 3 Minuten abgenommen. Fazit: Im Radsport tut sich in Sachen Dopingbekämpfung einiges oder Contador und Schleck sind „Flaschen“.

  • Ralph sagt:

    Danke Erich!! Der erste gute Kommentar 🙂

  • joe sagt:

    das Problem hat nicht ausschließlich der Radsport,sondern jeder Sport wo Höchstleistungen = Kohle(Profis)+“Ehre“(Hobby) bedeutet…in unserer Gesellschaft zählt einfach nur der erste,beste,schönste…solange das gerade in den Medien so verkauft wird wird sich nichts ändern…

    das soll eigentlich jeder so machen wie er es für sich selbst verantworten kann…

    nur wenn ich als sauberer Hobbysportler bei der Transalp in der Mastersklasse 2010 schneller fahre wie 2008 (Platz23) und 2009(Platz20) und trotzdem 10 Plätze weiter hinten bin, mache ich mir schon Gedanken…es fällt dann schon schwer die eigene Leistung richtig einschätzen zu können…soll ich jedem vor mir irgendwas unterstellen ???

    ich jedenfalls habe einfach die herausfordernde Strecke und das phänomenale Panorama genossen und regeneriere grad hier im heimischen Regen…

    joe

  • Gina sagt:

    Natürlich, lieber Erich und lieber Ralph, haben namhafte Profis ihre Blutkonserven bei einem einschlägig bekannten Gynäkologen nur aus einem Grund angelegt: als Eigenblutreserve, falls mal ein schwerer Unfall zu beklagen ist. Und der Blutpass wurde natürlich auch nicht auf grenzlegal (oder auch illegal) hochgezogenen Werten als Basis angelegt, sondern auf denen, die den Herren (und Damen) Radsportler in die Wiege gelegt wurden…

  • Anonymus sagt:

    Ich hänge seit Jahrzehnten als Physio und Betreuerr im Radsport herum, meist bei Profis, auch bei Semiprofis. Die Profis dopen wenigstens unter ärztlicher Aufsicht, die Semiprofis und Hobbyrennfahrer kaufen undefinierbares Zeug im Ausland und riskieren schlichterdings ihr Leben. Es ist Blödsinn zu behaupten, die Werte von Contador und Schleck lassen auf Legalität schließen. Sie machen nur deutlich, dass das Doping professioneller betrieben wird. Es geht um Grenzwerte, die exakt eingehalten werden. Reißen sie aus, ist der Fahrer eben krank oder verletzt und kann nicht starten.Da ist Geld im Umlauf, davon träumt unsereins als Brutto-Jahreseinkommen inkl. Boni. Der Blutpass ist lediglich Beruhigung und in der Tat wie Gina andeutet Aufbau auf bestehenden Werten.

  • joe sagt:

    T A W = traurig aber wahr…

  • Mick sagt:

    Ich finde interessant, dass so viele noch immer nichts wahrhaben wollen. Contador sauber? Schleck sauber? Ach ja?! Woher wisst Ihr das denn? Anonymus scheint nicht daran zu glauben. Nicht mal glauben! Ich selbst bin seit früher Jugend, im Semirennsport aktiv. Hier dopen alle irgendwie. Hart an der Grenze, aber immerhin. Jeder hat einen Allergikerpass für Asthmaspray, jeder hat Heuschnupfen, jeder Kopfweh, jeder Grippe und so weiter. Und dann noch die Hormone, die man auf Rezept kriegt, wenn man will. Wer ist hier sauber? Keiner. Ich auch nicht und mein Arzt weiß Bescheid. Außerdem wird bei Hobbyrennen nicht mal der Lizenzfahrer kontrolliert. Vergesst es, der Radsport ist verseucht und bleibt es.

  • Floh sagt:

    Ich kenne das was Mick beschreibt auch. Sobald es um was geht, wird alles dafür getan.

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