Grobstollenrittertum

24. Juli 2010 § 11 Kommentare

Wildbad, 24. Juli 2010, 12 Grad, Regen. Bergstation. Die ersten braunen Gestalten auf braunen Zweirädern tauchen aus dem Nebel auf. Die Gesichter, kaum zu erkennen unter ihren Kopfbedeckungen, drücken wenig Begeisterung für das aus, was sie hinter sich haben und noch weniger dafür, was ihnen noch bevor steht. In manchen Augen kann man Angst erkennen.

13:30 Uhr. Ende des freien Trainings, es wird ernst: Der Qualifikationslauf für den iXS Downhill Cup steht an. Feiglinge und Nasenbohrer nehmen hier erst gar nicht teil, die Jungs und vereinzelten Mädels, die sich an der Startrampe des „Downhill 1“ im Nordschwarzwälder Bikepark eingefunden haben, gehören zu den Ambitionierteren unter den Bergabfreaks, zu Geschwindigkeitsjunkies und Vertikalartisten. Artistik ist heute auch gefragt, denn die wurzelige und von kantigen Felsbrocken geprägte Strecke ist nass und schlammig. Wer hier verbremst, verliert nicht nur Zeit, sondern meist auch den Boden unter den Stollenreifen. Also Vollgas. Doch die Fahrwerke, mit mindestens 180 Millimetern Federweg eigentlich für´s Grobe gemacht, geraten schnell an die Grenzen der Physik. Die Haftungsfrage der Reifen ist zu diesem Zeitpunkt längst geklärt. Fahrtechnik zählt bei diesen Bedingungen weniger als schlichte Todesverachtung. „Schalter umlegen“ und die Piste hinab in den Kurpark stürzen, wo sich zeitgleich eine Opernsängerin für ihren Auftritt einsingt. Rossini und Downhill, kleines Schwarzes und Smoking neben Safetyjackets und Fullfacehelmen an einem Wochenende – krasser könnte das Alternativprogramm nicht sein.

Die Körper der gequälten Fahrer sind bereits nach wenigen Metern so durchgeschüttelt, dass man sich fragen muss, wie sie sich überhaupt noch auf ihren Boliden halten können. Nicht jeder kann… Man hört Rumpeln und Klappern, Keuchen und Fluchen – und so mancher Laie am Streckenrand wundert sich, dass Verletzungen ausbleiben. Im Ziel angekommen werden Helme von Köpfen gerissen, Schweiß rinnt, Lungen pumpen, Muskeln zittern. Apathische und Aufgeputschte sitzen schlammbepackt nebeneinander auf den Parkbänken, die einen schweigen, die anderen tauschen lautstark ihre Erlebnisse von unterwegs aus. Zuschauer, sachkundige wie fehl am Platz wirkende, schütteln die Köpfe angesichts dessen, was sie sehen. Dabei überblicken sie nur das durchaus gemäßigte Ende der Hasadeursritte. Sie hätten ein paar Meter den Berg hinaufklettern sollen.

P.S.: Die schlechte Qualität der Bilder bitte ich zu entschuldigen. Sie sind mit meinem pixelschwachen und langsamen Handy entstanden. Mir ging es nur darum, einen Eindruck der Streckenverhältnisse zu bieten. Natürlich hatte ich mal wieder meine Kamera vergessen…

Advertisements

§ 11 Antworten auf Grobstollenrittertum

  • Janusch sagt:

    Ge-ni-aler Bericht! 😀
    Die Fotos geben genug her. Ich würde da nicht mal laufen können! 😯

  • Schwarzwälder sagt:

    Geile Reportage. Mal ein ganz anderer Rennbericht, nicht immer nur so langweiliges Blabla wer nun welche Zeit gefahren ist. Du solltest Reporterin werden! 😉

  • Silke sagt:

    Dafür habe ich nicht mal mehr Bewunderung übrig… 😯

  • Marc sagt:

    gut beobachtet und toll geschrieben!

  • Julia sagt:

    Total abgefahren! 😯

  • Le Saucisson sagt:

    cooler Bericht.

    Bei mir steht heute das Kontrastprogramm an: Die Schlussetappe der Tour fährt bei mir an der Haustür vorbei.

    Ich muss mich langsam auf den Weg machen. Schliesslich will ich mittels Mountainbike einen guten Aussichtspunkt ergattern.

  • Floh sagt:

    Unfahrbar für mich. Die Jungs haben echt was drauf.

  • Gerrit sagt:

    Wahnsinn! Da sind die runter?! 😯 Lauter Irre.
    Und Du? Gelaufen nehme ich an. Das scheint auch nicht viel einfacher gewesen zu sein.

  • claudia sagt:

    Genialer Bericht!
    Die Bilder von der Strecke machen deutlich dass das ein „normaler“ Biker niemals auf dem Rad bewältigen könnte.
    Ich könnte da nichtmal runter laufen……
    Im Moment auf jeden Fall nicht 🙄

  • Susanne sagt:

    Gina, Du hast schon viele sehr gute Sachen geschrieben (zuletzt gefiel mir „Der Radsport ist sauber. Basta.“), aber das, was Du hier beschreibst, ist nicht nur gut getextet, sondern einfach auch gut aufgebaut. Du kannst es eben… 😀

  • Max sagt:

    Sehr schön geschrieben und die Bilder sind doch ok und geben viel von der Situation wieder, wie der Text natürlich auch.

    Nur Aussagen wie von Silke kann ich nicht verstehen, man sollte jeden Sportler/in für seine/ihre Leistung bewundern, denn er/sie haben viel Arbeit und Leidenschaft in seinen/ihren Sport gesteckt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Grobstollenrittertum auf LATRINUM.

Meta