Entscheidung pro Leben

4. Oktober 2010 § 6 Kommentare

Während meiner Studienzeit war ich Vegetarierin. Keine Veganerin, die gab es damals noch nicht wirklich, sondern jemand, der sich ganz bewusst gegen das Essen von rotem Fleisch entschieden hatte. Eier aß ich, Milk trank ich, Fisch gehörte ebenfalls auf den Teller. Von Soja allein wollte ich mich dann doch nicht ernähren… Irgendwann, ich war längst berufstätig, ging ich wieder dazu über, hin und wieder (also selten!) Fleisch zu essen. Hier mal ein Steak, dort ein schönes Stück Filet. Niemals Schwein (das finde ich so widerlich wie Innereien), aber Rind. Ganz ohne Bioausweis, denn bio war damals alles, denn man kaufte beim Metzger um die Ecke. Kein Trara mit Herkunftspass und Schlachtgarantie, sondern Vertrauenssache.

Heutzutage ist Essen alles (vor allem ungesund), nur keine Vertrauenssache mehr. Wir brauchen grüne Stempel, um unser Gewissen zu beruhigen und grausige Videos, um zu erkennen, dass Viehhaltung mittlerweile keine artgerechte und respektvolle Haltung mehr ist, sondern strukturierte und standardisierte Tierquälerei innerhalb gesetzlicher Normen, die einhergeht mit angewandter Natur- und Lebensraumvernichtung. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber wenn die EU schon so großzügig Gelder verteilt, um unsere Landwirte zu Energiestofflieferanten umzuschulen, statt sie, wie es die eigentliche Aufgabe eines Bauern ist, vielfältige und gesunde Nahrungsmittel produzieren zu lassen? Wenn es opportuner ist, aus Wiesen und Sträuchern kilometerlange monokulturelle Plantagen werden zu lassen, und aus Äckern, die eigentlich das Getreide für unser täglich Brot liefern sollten, Biomasseproduktionsstätten – wer greift da nicht zum Pflanzenvernichtungsmittel, bevor er die damit vergifteten Wildblumen untereggt und Mais und Raps ansäht?

Ich habe großen Respekt vor der Natur, vor allem vor Tieren. Sie haben Gefühle, sie leiden unter der schlechten Behandlung, die dann medikamentös kompensiert wird – und ich erlebe es tagtäglich, denn ich wohne „auf dem Land“. Um die Ecke befinden sich mehrere Ställe, in die Kühe 8.760 Stunden pro Jahr* eingepfercht sind. Es stinkt daraus zum Himmel nach Ammoniak, die Rinder stehen sicht- und riechbar Tag und Nacht in ihren eigenen Exkrementen, fressen vom selben Boden Gras, das sie nur in geschnittener Form und nicht als Wiese kennen. Und sie fressen das, was noch wenige Tage vorher großzügig mit ihrer eigenen Gülle bespritzt wurde…  Und diese Milch soll ich trinken, dieses Fleisch soll ich essen? Mal ganz davon abgesehen, dass ich es unerträglich finde, Kühe ständig zu befruchten und ihnen ihre Kälbchen unmittelbar nach der Geburt wegzunehmen, um sie in Koben zu stecken, wo sie allein mit sich und ihrem neuen Leben als Produktionsanlage klarkommen müssen.

Wie gesagt, ich esse sehr selten Fleisch. Aber jetzt esse ich gar keines mehr. Diese Entscheidung wurde viel zu lang aufgeschoben – wider besseren (Ge)Wissens.

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*Schaltjahre haben 8.784 Stunden

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§ 6 Antworten auf Entscheidung pro Leben

  • Stephanie sagt:

    Ich esse fast nur noch Bio. Oder eben vom Bauern meines Vertrauens. Fleisch esse ich nur selten – und mit den gleichen Vorgaben. Ich habe auch jahrelang gar kein Fleisch gegessen. Jeden Tag, an dem ich mich mit der Lebensmittelindustrie auseinerandersetze, werde ich ein bißchen konsequenter.
    Lebensmittel im Supermarkt widern mich zum Teil nur noch an. Ich habe das Gefühl, die Menschen, die den Mist kaufen und essen, denken keine Sekunde darüber nach, dass das ursprünglich mal gelebt hat.

  • Jule sagt:

    Juchu, wieder eine mehr.
    Ich esse nunmehr seit 20 Jahren kein Fleisch mehr, Fisch und alles Meeresgetier aber schon. Aus eben diesen oben von Dir und Stephanie genannten Beweggründen. Ich finde es einfach lächerlich wenn sich die Menschen, auch hier bei mir im Nachbarort, z. B. gegen einen Hühnermastbetrieb stark machen und Protestieren was das Zeug hält aber ich die gleichen Menschen nachher im Supermarkt das billige Hähnchenfleisch von Wiesenhof nach Hause tragen sehe. Wenn wir das Zeug weiterhin kaufen und „fressen“ wird es auch weiter produziert. Ich kaufe viel bei einem Biobauern aus dem Nachbarort der mit seinem rollenden Laden hier einmal wöchentlich vorbeikommt und im Supermarkt lese ich mir alles genau durch, E-lastige Dinge und „Lebens“mittel mit zig Zusatzstoffen kaufe ich aus prinzip nicht!

  • anonymus sagt:

    Leider haben Menschen mit kleinerem Geldbeutel oder gar solche die von der Stütze leben müssen nicht das finanzielle Mittel um auf „saubere“ Lebensmittel mit „BIO“ Signet zurück zu greifen. Davon gibt es viele und es werden stetig mehr, also wird das Billigfutter für die Menschheit weiterhin Bestand haben, sprich es werden weiterhin Tiere für die Nahrungsmittelindustrie unter „unmenschlichen“ Bedingungen gezüchtet, gehalten, geschlachtet, gekauft, gegessen………

  • Susanne sagt:

    @Anonymus: Seitdem ich genau darauf achte was ich kaufe und esse, spare ich Geld! Ich werfe weniger weg, weil das Gemüse und Obst vom Markt länger hält als das von Aldi & Lidl und schneide auch vom Fleisch (ja, ich esse Fleisch) weniger Flaxen und Fett weg. Ich habe es genau verglichen: Es ist zeitintensiver aber letztlich billiger – und leckerer!

  • Gina sagt:

    Ich denke, die Gesamtkosten für Lebensmittel haben auch was damit zu tun, ob man selbst kocht oder eben (Halb)Fertiggerichte kauft. Wir haben das Phänomen, das Susanne beschreibt, auch erlebt, allerdings vertrage ich viele „normale“ Lebensmittel nicht. Von daher wird´s natürlich teurer, wenn man auf Laktose, Fructose, Gluten, diverse Beimischungen etc achten muss. Wer öfter ein wirklich gutes Stück Fleisch (oder Fisch) auf dem Teller liegen haben möchte, muss natürlich richtig löhnen, das ist wahr.

  • Anna (aka Mandala) sagt:

    Anonymus, warum ist es teurer sich gesund und lebensgefällig zu ernähren? Gibt es bei Ihnen nur Discounter (die haben übrigens auch BIO!) und keine Märkte, Bauern, Metzger und Gemüsehändler? Ich zahle beim Türken um die Ecke weniger für bessere Ware als im Supermarkt.

    Gina, konsequent wäre es, auch auf Fisch zu verzichten. Auch Fische sind Lebewesen!

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