Denkbare Dankbarkeit

20. Oktober 2010 § 6 Kommentare

Dankbar sein sollen wir. Aha. Wem und wofür? Ich bin dem Chirurgen dankbar, der mich aus dem Rollstuhl geholt hat. Und der jungen Frau, die mir das Händchen gehalten hat, nachdem mich eine Autofahrerin vom Motorrad gerammt hatte. Und Frau Dr. H., die mich vor vielen Jahren gegen meinen Willen in eine Klinik eingewiesen und mir damit das Leben gerettet hat. Und dem einen oder anderen weiteren Menschen danke ich für dies und das. Das tue ich aus reinster intrinsischer Motivation, nicht aber aus Pflichtbewusstsein. Eine Pflicht zur Dankbarkeit erscheint mir ähnlich sinnlos wie die Pflicht, jemanden zu mögen. Ich weiß, es ist nicht die richtige Jahreszeit dafür, aber ich denke gerade an Muttertag…

Muttertag ist der Tag, an dem man seiner Mutter dankt … ja, wofür soll ich ihr eigentlich dankbar sein? Für ein „geschenktes“ Leben, das alles, nur kein Geschenk ist? Für zuviel Prägendes, das noch heute schmerzende Narben hinterließ? Für Lehren fürs Leben, die ich nicht gebraucht hätte, weil das Leben gar nicht so grausam ist, um mich auf diese Weise darauf vorbereiten zu müssen? Dafür, dass ich Wichtiges wie Vertrauen, Hoffnung und Optimismus nie gelernt habe? Soll ich ihr etwa danken, wenn ich Menschen von mir stoße, weil ich mir nicht vorstellen kann, was sie von mir wollen könnten – dass sie mich einfach nur mögen könnten, ist zwar meinem Gehirn irgendwie klar, nicht aber meinem Gefühl.

Gefühl? Nie gelernt. Nie gekannt. Denken, das habe ich gelernt. Nach etwas zu streben, viel und mehr zu leisten, besser zu sein als andere, schneller und klüger. Gefühl ist nichts, was einen weiterbringt, was materiellen Reichtum und Anerkennung einbringt. Gefühl ist einfach nur da, mal gut, mal schlecht. Es ist menschlich, Gefühl(e) zu haben und zu zeigen. Ich aber zeige Wissen, Kompetenz, Verstand. Dafür, dass ich das habe und kann, könnte ich dankbar sein. Ich denke mal darüber nach.

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§ 6 Antworten auf Denkbare Dankbarkeit

  • Jule sagt:

    „Dafür, dass ich Wichtiges wie Vertrauen, Hoffnung und Optimismus nie gelernt habe?“

    Du sprichst mir aus der Seele!

  • Franz sagt:

    😥

  • Jan sagt:

    puh… 😦

  • Silke sagt:

    Ist das wirklich so? Zeigst Du wirklich kein Gefühl? Glaube ich nicht! 😉

    Aber sonst… Tja, Kinder bezahlen ihr Leben für die Fehler ihrer Eltern. Davon sich frei zu machen, ist eine lange und oft unlösbare Aufgabe. Allein schafft man es nicht…

  • Stephanie sagt:

    Glücklicherweise hat sich inzwischen das Verhältnis zu meiner Mutter entspannt, auch wenn eine fällige Aussprache nie stattgefunden hat. Muttertag feiern wir trotzdem nicht.
    Umso mehr freut sie sich, wenn ich ihr wirklich dankbar bin, weil sie ernsthaft etwas für mich getan hat.
    Ich bin froh darüber. Vermutlich wäre meine Aussage über meine Mutter Deiner vor 15 Jahren sehr ähnlich gewesen.

  • Sven sagt:

    Das klingt nach Körperverletzung an kindlicher Seele. Und das macht mich wütend! 👿

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