Anderthalb Stunden Ewigkeit

11. Dezember 2010 § 3 Kommentare

Pro Jahr führe ich rund 50-70 Interviews, jedes etwa anderthalb Stunden lang. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie lang anderthalb Stunden sein können? Mein Gegenüber sitzt, wartet auf Fragen, beantwortet diese kürzestmöglich, wartet wieder… Oder er redet. Und redet und redet und redet. Was er/die sagt? Nichts! Roger Willemsen hat das, was dabei in meinem Kopf entsteht, in einen schönen Satz gefasst: „Die schlimmsten Menschen sind die, die keine Fragen provozieren.“ Ich würde es gern noch ergänzen: „… und die, die mich bereits nach fünf Minuten auf die Uhr schauen lassen.“

Nun habe ich für jedes Interview Standardfragen im Kopf – zur Sicherheit. Und ehrlich gesagt, wenn ich diese Fragen hervorholen muss, notiere die Antworten bereits in den Block oder ins Notebook bevor ich sie höre, vielleicht sogar, bevor sie im Kopf meines Gesprächspartners entstehen. In diesen Fällen könnte ich, ehrlich gesagt, ganz ohne Interviews auskommen, könnte das, was ich in den letzten zehn Jahren zu mehreren Hundert Porträts verarbeitet habe, auch aus mir selbst heraus schreiben. Habe ich zum Teil auch trotz mühsam geführter Interview getan, weil meine Phantasie bunter ist, als die derer, die mich zu zuhörenden Misshandlungsopfern gemacht haben.

Und dann, unverhofft, begegne ich ihr oder ihm: interessante Geschichte, aufgeschlossen für die etwas anderen Fragen, nachdenkend, gegenfragend, offen auch für kritische Themen, rede- und zuhörgewandt… Ich bin plötzlich wieder wach, aufmerksam, konzentriert. Oft vergesse ich mitzuschreiben, weil das Gespräch für sich steht – und stehen bleiben kann. Dann habe ich ihn wieder gefunden, den Grund, den ich immer wieder brauche, um mich zu motivieren, Menschen zu interviewen, die sicher nicht weniger zu sagen hätten.

Advertisements

§ 3 Antworten auf Anderthalb Stunden Ewigkeit

  • KIKa sagt:

    Hast Du schon mal „phantasiert“ also ohne Interview geschrieben?

  • Gina sagt:

    Ein erfundenes Interview? Nein. Aber ich „poliere“ Zitate für meine Porträts auf, wenn ich keine bekomme, die verwendbar sind. Alle Porträts werden vor Veröffentlichung durch die Betroffenen freigegeben – und sie freuen sich nachvollziehbarerweise sehr, wenn ich ihrem Blabla oder Schweigen Substanz einhauche… 😉

  • […] Woche war ich mal wieder auf Tour, habe recht interessante Gespräche geführt und viel Material mitgebracht, das es nun gilt, zu […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Anderthalb Stunden Ewigkeit auf LATRINUM.

Meta