Wie werde ich endlich @ktivist? Im #Internet!

14. April 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Sie sind doch auch so ein richtig engagierter Aktivist, stimmt´s? Schon früher wären Sie auf jeder Demo mitten drin statt nur dabei gewesen, hätten Sie nicht Hausaufgaben zu erledigen gehabt und wären nicht die meisten Veranstaltungen nach Einbruch der Dunkelheit erst losgegangen. So durften Sie leider nicht mit. Nicht Ihre Schuld. Aber hey, Wackersdorf! Ja, da hätten Sie sich voll reingehauen, hätten mitgegröhlt und mitgesoffen, hätten am Dorf mitgebaut, sich im Schlamm gesuhlt… Leider hatten Sie kein Auto, noch nicht einmal einen Führerschein und auch keine Mitfahrgelegenheit.

Auch wieder nix. Aber auch nicht Ihr Verschulden. Sie hätten ja gewollt, voll ehrlich Mensch! Aber das mit den Castortransporten, gell ja, das wäre was für Sie! Sich an Bahngleise ketten, von Bu Polizisten wegtragen lassen, Strafanzeigen sammeln… Wäre da nicht die Karriere, die durch einen ungeschickten Kameramann, der ganz sicher ausgerechnet Sie ins Visier nehmen würde, einen Knick erhalten könnte. Und Ihre Kinder und Enkel, was sollen die denn denken?! Man muss doch Vorbild sein! Und die Kids sollen studieren und Richter oder Vorstand werden.

Tja, so geht es dem armen Aktivisten, der so gern wollen aber nicht können und dürfen tut. Aber wissen Sie was? Ihnen kann geholfen werden! Heutzutage brauchen Sie doch Ihren Arsch nicht mehr vom Sofa wuchten keinen Fuß mehr aus der Tür bewegen, kein Schlamm, kein Gebrüll, Gekeife, Geprügle und keine Kameras – außer Ihrer eigenen Webcam, die Sie immer zum Chatten auf Pfuibäh-Websites nutzen. Das Leben findet bekanntlich inzwischen im Internet statt. Und dort können Sie sich nun endlich engagieren. Politisch, sozial, sportlich, sexuell und was auch immer Ihnen liegt.

#Netzpolitik (Das # ist absolut superwichtig, das tagged das nachfolgende Wort nämlich. Kapieren Sie nicht? Macht nix. Sonst auch kaum jemand, auch wenn´s niemand zugeben würde.) nennt man das jetzt, was wichtig klingt und ebenso viele Worte um ziemlich wenig macht wie die analoge Variante. Sie aber wollen jetzt endlich und sofort loslegen, um am Abend Ihres Lebens auf etwas durch Sie Bewegtes zurück blicken zu können. Na dann:

 

  • Basteln Sie ein Blog wie dieses (völlig substanzlos, aber kompetent anzusehen und mit viel wichtig klingendem aber total banalem Text geflutet) und verteilen Sie ein paar bunte Buttons wichtiger Organisationen darauf. Siehe rechts unten. Den Link auf die Organisation nicht vergessen, die ihr Anliegen dann erklärt. Sie brauchen das mit dem Erklären nicht zu können und nicht einmal zu wissen, worum es eigentlich geht. Das bunte Bildchen reicht vollauf.
  • Fummeln Sie mit 1&1 oder einem anderen Baukasten-Anbieter eine Gratishomepage zusammen und guttenbergen kopieren Sie viele tolle Texte von wichtigen Aktivisten rein. Sie sollten großzügig verlinken, sonst bringt das nix und Sie werden am Ende noch des Plagiatismus beschuldigt. Das geht ja heutzutage flott.
  • Eröffnen Sie einen Twitteraccount und lassen Sie alles raus, was Sie schon immer von sich geben wollten. Also rein verbal natürlich. Geben Sie zu Kommentaren Kommentare ab, hacken Sie Sätze kurz und klein (Sie haben ja nur 140 Zeichen, also spricht das für Ihre Kompetenz) und benutzen Sie sehr viele @ und #. Sinn? Nein, Sinn muss das alles nicht haben.
  • Klicken Sie auf alle möglichen Websites, Blogs und Twittereien und natürlich bei Facebook entsprechende Aufrufe zum Voting, zur Mitmacherei und so weiter an, hinterlassen Sie dort Ihre Daten (natürlich die echten!) und seien Sie glücklich. Hey, Sie waren aktiv, Sie sind ein Aktivist!
  • Und nun lernen Sie noch ein paar Begriffe: Anonymous, Digitale Gesellschaft (@digiges), WikiLeaks (das sind mittlerweise die Bösen), OpenLeaks (das will das Gute werden) und so weiter. Sie stolpern überall darüber, Sie brauchen Sie nur aufzuheben und bei nächster Gelegenheit lockerlässig weiterzugeben. Das kommt echt gut!

Richtig im Spiel sind Sie, wenn Sie jemand als Nerd bezeichnet. Das ist keinesfalls ein Schimpfwort, sondern der Adelsstand. Und nächstes Mal erkläre ich Ihnen, wie Sie mittels Facebook eine Revolution in einem beliebigen Land anzetteln. Viel Erfolg.

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