Idylle und Gülle

12. Juni 2011 § 10 Kommentare

Mehr als zehn Millionen Städter wünschen sich aufs Land.

errechnete die ZEIT in einem lesenswerten Artikel, der mit „Landlust, Landfrust“ überschrieben ist. Knapp 33 Millionen Menschen leben in Kleinstädten und Dörfern, manche sogar in Weilern und Einöden. Dort sind sie geboren, aufgewachsen, geblieben – oder auch dorthin „raus“ geflüchtet aus trostlosen Städten, in denen Tiere nicht erwünscht oder gar unbekannt sind und Grün eine Bekleidungsfarbe ist. Wer nicht seiner Sehnsucht nachgeben und aufs Land ziehen kann, stellt sich eben sonntags in den Stau, um mit den Kindern Kühe zu gucken. Ach, welche Idylle, welches Glück …

… – oder auch nicht. Denn wir Landeier sind zwar zufrieden (sonst würden wir hier nicht leben), aber idyllisch geht es bei uns nicht zwangsläufig zu. Man mag gern zu uns zum Maibaumaufstellen kommen, man schaut uns beim Schuaplattln zu, man versucht sich im Ozapfa, man macht Ferien auf dem Bauernhof. Doch das, liebe Großstädter, ist nicht das wahre Landleben, ist nicht unser Alltag, ist alles andere als Idylle! Bei uns ist der Dreck nicht schöner als bei Euch, nur eben braun statt grau. Und der Verkehrslärm ist auch nicht weniger, nur klingt er eben nach Traktor und nicht nach S-Bahn. Wie auch die Luft hier nicht zwangsläufig gesünder ist, sicher aber feinstaub- und ammoniakhaltiger (weil wir unsere kuscheligen Kachelofenfeuer eben mit Holz und ohne Kaminfilter betreiben und Rindviecher jede Menge stinkende Pisse und Scheiße von sich geben). Krimineller geht es zwar statistisch betrachtet bei Euch in der großen Stadt zu, das ist richtig. Aber sich mit der Dorfjugend anzulegen, kann auch im Krankenhaus enden.

Das alles, liebe Möchtegerndörfler, merkt Ihr spätestens dann, wenn Ihr mit Sack und Pack und Kind und Kegel aufs Land zieht. Schulbusse? Taxis? Nahverkehr im Minutentakt? Shoppingmalls? Kulturangebote? Starbucks? Naja, monatlich veranstaltet das hiesige Pfarramt ein Kaffeekränzchen. Einen Musikverein hat jedes Dorf, einen Kirchenchor sowieso. Und die VHS unterhält defizitäre Außenstellen, die „Kochen mit Kindern“ und „Bauch, Beine, Po am Vormittag“ anbieten. Samstags spielen die Männer natürlich Fußball. Oder bauen an ihren Häusern rum oder zimmern Klettergerüste für die zwanzig Nachbarsbälger. Und am Abend sitzen sie „beim Löwen“ oder in der „Gans“, dreschen Karten auf Tische und Sprüche über Politik und spülen literweise tröstendes Bier in ihre Kehlen. Vielleicht grillen sie auch mit den Kumpels und deren Familien.

Sonntags ist´s die Frage, ob Kühe, Hähne oder die Kirchenglocken die Ersten sind, die den bismittagsausschlafgewohnten Neudörfler aus dem Bett reißen. Steht der dann sich müde streckend vor dem offenen Fenster um sich an der frischen Frühlingsluft zu laben und wird dabei unvermittelt von frischem Güllegestank aus dem Schweinestall mitten auf die Zwölf getroffen, ist schon so mancher Umzugs-, respektive Rückzugsplan gereift.

Jaja, das Landleben… Schee is´!

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§ 10 Antworten auf Idylle und Gülle

  • Le Saucisson sagt:

    Einfach herrlich 🙂
    Und so realitäts nah.
    Hatte wir gerade erst gestern auch wieder bei uns.
    Pariser, die durch den Wald spazieren (man erkennt sie schon von weitem: Sonst turnt hier keiner mit weissen Highheels im Wald rum).
    Sie waren am Kastaniensammeln. Ja, Kastanien. Im Juni!!! Und wundern sich warum die alle verfault sind.
    Als sie dann auch noch ihre brennende Kippe in den Wald werfen (wir haben seit 8 Wochen fast keinen Regen) konnte ich nicht länger meine Klappe halten 😦

  • Stephanie sagt:

    Der Kompromiss wäre doch das Kleinstadt-Leben.
    Bei uns im Rhein-Main-Gebiet muss man weit fahren für idyllische Dörfer. Da sind Kleinstädte mit S-Bahn, Landwirtschaft, Cafés, Naturschutzgebieten, etc. ein guter Kompromiss. Planlose Großstädter hat es hier auch.
    Ich fühle mich wohl in meiner Kleinstadt. In meinem Garten wächst Eßbares, der Verkehrslärm hält sich in Grenzen und in der Großstadt, in der ich arbeite, bin ich mit ÖPNV in erstaunlichen 30 min. Ab Haustür.
    Ich finde es schade, dass das im Zeit-Artikel ein wenig zu kurz gekommen ist.
    Gerade in Ballungsräumen existiert „das Landleben“ in der Form doch gar nicht mehr.

    Und Dich, Gina, beneide ich für Deine Nähe zu den Alpen. Den Rest habe ich auch – teils mehr, teils weniger. 🙂

  • Frank sagt:

    Naja, man will die Vorteile hiervon und die Vorteile davon. Landlust ohne Landfrust, Stadtlust ohne Stadtlust. Dass die Großstädter allerdings nicht in Kleinstädte ziehen wollen, verstehe ich schon. Da ist irgendwie immer tote Hose. Also: entweder/oder.

  • Schwarzwälder sagt:

    Wenn sie herziehen und dann wieder weg weil sie einsehen, dass es doch nichts war, dann ist es ja gut. Aber herziehen und dann aufregen weil der Hahn kräht und die Kühe muhen ist das ALLERLETZTE!!! 👿

  • Stephanie sagt:

    Tote Hose? Nein, Frank.
    Wir haben hier in nächster Nähe 3 Gesangsvereine, zig Sportvereine und andauernd irgendwelche Feste.
    Unsere Kommunalpolitijer entsprechen auch jedem ländlichen Vorurteil (Gina, Deinen Eintrag über eure langen Leitungen habe ich sehr genossen, denn auch hier passiert ähnliches)
    Ich sehe das wirklich so, dass ich von beiden Seiten manche Vorteile genießen kann.

  • Ick bin een Bärliner sagt:

    ihr landeier kommt doch auch in die stadt? warum sollen wir nicht aufs land dürfen?

  • uli sagt:

    @Schwarzwälder: Hähne und Kühe – das ist aber noch zu toppen – im Nachbarort hat kürzlich ein „Neuländler“ geklagt, weil die Pferde hinter seinem Grundstück nachts zu laut gegrast haben 🙄
    Kein Witz, Prozess verloren und das Beste, schon vor der Bebauung wurde vereinbart, dass die Pferdekoppel da bleibt, keine Ahnung was der sich von dieser Klage versprochen hat 😉

  • Le Saucisson sagt:

    Wieso Hähne und Kühe???
    Rasenmäher sind doch viel schlimmer….kann mir mal jemand erklären, warum Obstwiesen aussehen müssen wie Golfplätze?

  • twixraider sagt:

    Erinnert mich an die deutschen Auswanderer, die sich auf Mallorca beschweren, dass es kein ordentliches Brot gibt, zu dessen Erwerb man auch noch Spanisch sprechen muss. Und immer diese Siesta, das geht ja gar nicht!

  • Toto sagt:

    Rasen? Ich dachte auf dem Land gibts Wiesen!?

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